Monatsarchiv für September 2010

Wo ist hinten links?

Geschrieben von am 29. September 2010 | Abgelegt unter Aktuell, Sonstiges

Dass Linkshänder es auch in der digitalen Welt nicht leicht haben, wurde uns ja diesen Sommer durch das iPhone-Antennendesaster einmal mehr bewusst. die webagentin selbst ist Linkshänderin, meine Maus habe ich konsequent auf der linken Seite des Computers, die Mausfunktionen liegen spiegelverkehrt zu denen der klassischen Rechtshändermaus. Das ist einfach zu verstehen, oder? Wenn ich – was im Leben einer Trainerin öfter vorkommt – Funktionen der rechten oder linken Maustaste erläutere, spreche ich also immer von der rechten Maustaste der Rechtshänder, tatsächlich handelt es sich dabei aber um meine linke Maustaste und meine rechte Maustaste wird offiziell – und auch von mir – als linke Maustaste bezeichnet. Mein Links ist also für andere rechts und mein Rechts ist links. Auch logisch. Wenn ich Auto fahre und einer Fahrerin oder einem Fahrer den Weg erklären soll (bzw. wenn mir, seis von Menschen oder Navigationsgeräten der Weg erklärt wird) ist links immer links und rechts immer rechts – auch wenn bei mir sonst links sonst oft rechts und rechts oft links ist. Ebenfalls klar. Geht aber im wirklichen Leben manchmal schief.

Nun war heute in einigen Zeitungen ein neuer Tipp der Etikette-Expertin Bettina Angerer zu lesen – Geschäftspartner/innen im Auto sollten nie nach hinten links gesetzt werden – das ist der unbeliebteste Platz. Auch klar? Aber wo, bitte schön, ist hinten links? Links wenn ich in Fahrtrichtung blicke (sofern ich vorwärts fahre) oder links wenn ich vor dem Auto stehe und auf das Auto schaue? Und – liebe Etikette-Expertin Bettina Angerer – mir scheint das auch nicht sehr kulturdivers gedacht und damit fürs große Business nicht geeignet. Ist in Großbritannien in diesem Fall links links oder ist links dann rechts, wenn die Fahrerin auf der rechten Seite sitzt? Im Auto, so weiß Frau Angerer übrigens noch zu berichten, ist Schluss mit höflich – da geht es streng nach Hierarchie und Frauen erhalten keinesfalls einen Ehrenplatz. Frau Angerer, haben Sie den Eindruck, dass Frauen ansonsten im Berufsleben Ehrenplätze zugewiesen bekommen? Nur, weil auch die CSU jetzt über Frauenquoten nachdenkt… – so weit ists noch lange nicht.

Mehr zu hinten links… und mehr zu Bettina Angerer, die jetzt aber Bettina Geißler heißt oder sie hieß früher Geißler und jetzt Angerer, jedenfalls nennt die Presse sie Angerer, ihre eigene Website nennt sie aber Geißler, Angerer und Geißler sind also ein bisschen wie links und rechts.

Fernunterrichtsstatistik 2009 online

Geschrieben von am 20. September 2010 | Abgelegt unter Aktuell, Weiterbildung

Das Forum DistancE-Learning hat seine diesjährige Studie zum Thema Fernunterricht in Deutschland veröffentlicht. Lernen, besser: Fernlernen, ist demnach krisenresistent. Die Zahl der Fernlerner/innen in Deutschland ist – insbesondere an Hochschulen – gewachsen. Die Studie kann hier heruntergeladen werden. En passant fällt auf: Es gibt wesentlich mehr Frauen als Männer unter den Fernlerner/innen, nur im Bereich Betriebswirte, Techniker, Übersetzer sowie Mathematik, Naturwissenschaft, Technik und EDV-Lehrgänge gibt verschwindend wenige Frauen. Same old story – Deutschland ist in Sachen Frauen und Technik nach wie vor ein Entwicklungsland. Vielleicht sollte Herr Niebel hier investieren….

Thilo Sarrazin und Eva Herrmann – das Trotz-Prinzip

Geschrieben von am 14. September 2010 | Abgelegt unter Aktuell, Sonstiges

Deutschland ist ein konservatives Land. Wer hier eine konservative Partei wählen möchte, muss gar nicht die Partei wählen, in der seit einigen Tagen eine Debatte darüber losgebrochen ist, ob die Partei noch konservativ genug ist. Lust auf Veränderung ist in Deutschland nicht wirklich verbreitet und jede Regierung, das gilt oft auch für jede Einzelperson, die Veränderungen umsetzt, wird sich per se unbeliebt machen. Deutschlands Träume speisen sich weniger aus der Vision einer besseren Zukunft, sie zehren von der Vision einer besseren Vergangenheit – die am Ende auch nur eine imaginierte ist, aber seis drum. Feste Bestandteile der besseren Vergangenheit sind besseres Wetter, also Sonne im Sommer (auch im September, zum Beispiel am 14.) und Schnee im Winter, vorzugsweise an Weihnachten, besseres Geld, also die D-Mark, bessere Steuern, also kein Solizuschlag und besseres Essen, also Tomaten, die nach Tomaten schmecken, Kalbfleisch, das nicht zu 80% aus Wasser besteht und Brot, das nicht aus tiefgekühlten Backmischungen hergestellt wurde.

Die bessere Vergangenheit hat im Volksmund oft auch einen anderen Namen und der lautet Heimat. Heimat gab es immer nur in der Vergangenheit und ist ein Begriff, der Trauer, Sehnsucht und Trotz zusammen fasst – die Trauer über die nie wieder wiederkehrende Kindheit, die Sehnsucht nach einer besseren Welt und der Trotz, wider alle Vernunft zu behaupten, die Kindheit ließe sich sehr wohl zurückholen und die bessere vergangene Welt, die es nie gegeben hat, könne sehr wohl wieder hergestellt werden. Die trotzigsten Deutschen sind die so genannten Heimatvertriebenen, besonders die, die aus einer Heimat vertrieben sind, die es nie gab, weil sie sie nie bewohnt haben.

Auch Thilo Sarrazin ist ein Trotzkopf. Die Deutschen – und besonders die deutschen Medien – mögen solche Trotzköpfe und alle paar Jahre gibt es einen, der durch alle Politik-Redaktionen und Feuilletons wirbelt. Zu den herausragenden Merkmalen der Debatten um Trotzköpfe gehört, dass sich plötzlich die klügsten Journalisten und Journalistinnen und mit ihnen Deutschlands intellektuelle Elite mit Thesen und Behauptungen außeinander setzt, die an Dummheit kaum zu überbieten sind. Nun ist Sarrazin kein Dummkopf, er ist gebildeter und intellektueller (und woher er das hat, ob er nur geerbt oder selber gelernt hat, wissen wir nicht) als die allermeisten Deutschen. Und er hat ein Thema, das in der Luft liegt, aufgegriffen und ein Buch daraus gemacht. Er hat eine Veränderung, die seit Jahren stattfindet und die fast heimlich auf den Lebensnerv der deutschen Gesellschaft trifft, bewusst gemacht – auch wenn seine Erbschaftsthese nicht nur niveaulos, sondern vor allem auch weit unter seinem eigenem Niveau ist. Angst macht nicht, dass alles schlechter, sondern dass alles anders wird. Nein, Deutschland schafft sich nicht ab, sondern Deutschland, und das ist für uns die wahre Schreckensbotschaft, verändert sich. Ja, die Deutschen sind schon jetzt und werden es zukünftig immer mehr sein, ein Volk, das immer weniger aus Deutschstämmigen in der ersten, zweiten oder dritten Generation bestehen wird. Ja, die Politik hat jahrzehntelang gepennt und sich nicht um die zukünftigen Deutschen, die Kinder der Einwanderer, gekümmert, sondern um die vergangenen Deutschen, deren Kinder allemal immer weniger werden. Ja, die in Deutschland lebende Gesellschaft hat sich unglaublich verändert, wir nie wieder die sein, die wir in den 70er und 80er Jahren kannten. Das Phänomen Sarrazin ist der letzter Aufschrei einer Gesellschaft, die sich nicht abschafft, sondern die schon beinahe untergegangen ist. Darauf muss man nicht mit solchen Mediengewittern reagieren, wie sie seit Wochen um Sarrazins mäßig interessante und erst recht nicht neuen Thesen produziert werden.

Ein ähnliches Medientheater gab es vor vier Jahren, als Eva Herrmann in ihrem Buch “Das Eva-Prinzip” die Feministinnen bezichtigte, die Frauen und Mütter abgeschafft zu haben. Und Deutschlands anspruchsvollste Feuilletons waren voll von Repliken auf Thesen, die an intellektueller Schmalspurigkeit wohl kaum zu überbieten waren. Auch Eva Herrmanns Buch war der letzte Aufschrei aus einer Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt. Mütter sind nicht mehr das, was sie einmal waren, Väter sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sondern gehen, wenn auch nur zwei Monate, in Vaterzeit, Mütter arbeiten, auch wenn sie weniger verdienen als Männer. Eltern lassen sich scheiden, Kinder suchen sich neben den Eltern andere erwachsene Bezugspersonen – nichts ist, wie es einmal war, alles ist verändert.

Verlorene Sicherheit, verlorene Heimat. Und das ausgerechnet uns Deutschen.

Google gar nicht objektiv

Geschrieben von am 6. September 2010 | Abgelegt unter Aktuell, Web

Google hat mal wieder Ärger. In den USA schauen sich nun die Staatsanwälte die Treffer-Reihenfolge an und wollen ermitteln, ob Google seine Konkurrenten benachteiligt und schlechter platziert. Viel erstaunlicher als die Tatsache, dass dem so sein könnte, ist doch eigentlich die Tatsache, dass wir alle bisher geglaubt haben, dass es so eben nicht sein könnte. Der Glaube, Google präsentiere uns unabhängige, nur durch wahnsinnig komplizierte und raffinierte Algorithmen errechnete Ergebnisse, an denen die besten Köpfe der Welt getüftelt haben, entlarvt uns doch als ein wenig naiv. Oder wollte ich (und viele andere auch) einfach nur so gerne an das Gute im Kapitalismus glauben – die verdienen Geld, klar, aber mit guten Mitteln! Don’t be evil.